Sechs Regeln zur Intervention und Deeskalation in Gewaltsituationen

Ortrud Hagedorn, Von Fall zu Fall, BIL, Berlin, 2000

I Aufmerksam wahrnehmen

Gewalt geht uns alle an.
Deshalb genau hinsehen,wenn Jungen sich prügeln oder Jungen Mädchen belästigen. Ist das Spaß für alle Beteiligten oder Ernst ? Nicht wegsehen, sondern sich einmischen. Stellung beziehen: "Hier tut keiner dem andern weh! "oder " Übergriffe gegen die Menschenwürde sind nicht zulässig."

II Abbrechen – Norm setzen

Als Garant für Mindestnormen ohne "pädagogisch verständnisvolle" Fassade präsent sein.  Statt lauer Du-Botschaft wie:" Das find ich aber gar nicht gut"  den Vorfall eindeutig, personen-neutral abbrechen und Norm setzen.
Etwa:
" Schluss damit! Hier wird nicht geprügelt"
" Auseinander! Das ist hier verboten!"
"Jetzt reichts aber! Hier wird fair gestritten!"
" Aufhören! Alle beide! Das läuft hier anders!"
oder:
Jätä (türk: es reicht), schwoi, schwoi (arab: gemach,gemach ,mit Handgeste), cool- down

Abschätzen, ob depressive oder chaotische Gewaltkrise vorliegt

Ein Eifersuchtsdrama ist eine depressiv verengte Krise, bei der ein Gewalthandelnder nur noch die Überlegenheit der Partner wahrnimmt,-Tunnelblick. In dem Fall: Weiten, d.h. auf Stärken und andere Personen, die ihn mögen, aufmerksam machen: "Du bist schließlich nicht allein. Das kann doch jeder sehen, dass dich Ali, Carsten , Anne gerne haben."  Macht relativieren: " Das tut  Jessica  doch auch weh, dass es so weit gekommen ist."
Gruppengewalt hat eine chaotische Dynamik. Jeder ist gegen jeden, auch Unbeteiligte werden angegriffen. In dem Fall: Engen, d.h.: den Gewalthandelnden zeigen, dass die/der Intervenierende nur schlichtet, kein "Gegner" ist. Auf sich und die Realität verweisen: "Was ist hier los?", "Schluss damit!",  " Ihr seht doch, dass X Angst hat/ verletzt ist/ sich nicht wehren kann!", “Jetzt reichts aber! Das nervt!. Jeder geht auf seinen Platz!", "Ich hab damit nichts zu tun. Doch Euer Streit muss anders geregelt werden!" ( Sprachliches Trennen von Person und Tat )



III Trennung der Kontrahenten

Den Blick- und Hörkontakt der Streiter unterbrechen. Beide räumlich trennen, um erneute Gewalthandlungen zu verhindern. Notfalls  Streiter mit dem Rücken zueinander ausrichten. Emotionale Abkühlung einräumen (Auch bei der Eröffnung der Mediation oder ähnlich klärenden Verhandlungen vorerst keinen Blickkontakt der  Streiter zulassen).


IV Einfluss behalten

Streiter nicht aus der Interventions- Maßnahme lassen , bis die Situation deeskaliert ist.
Ruhe, äußere Ordnung, Körperbesinnung (Rückzug,  Sachen richten, unde versorgen, auf  Atem und Herzklopfen achten) gewähren. Keine Bagatellisierung akzeptieren wie:"War doch nicht so schlimm" oder "Ist doch nichts passiert," sondern:

" Hier geblieben! Erst wird der Streit geklärt, dann könnt ihr gehen."

" Gewalt macht Feinde! Das muss erst  wieder in Ordnung gebracht werden."


V Grenzsetzung geminsam durchsetzen

Keine Angriffe und Drohungen gegen Intervenierende zulassen.  Schulterschluss der Pädagogen deutlich machen:

 "Grobheiten dulden wir hier  alle nicht!"


VI  In die Verantwortung nehmen

Sache- Folge- Verantwortung nennen

"Das war hier kein Spaß. Dazu müsst ihr euch verantworten."

"Eine schlimme Sache mit Schmerzen, Schock und Tränen.  Zu diesem Vorfall musst du stehen."

"Der Tatbestand war Raub ( Körperverletzung, sexueller Übergriff). Das hat Folgen! "


Eine Ankündigung ist keine leere Drohung. Sie muss auch umgesetzt werden!
Die  Streiter sollen sich  in Gegenüberstellung mit dem Streitgegner verantworten und den Schaden wieder gut machen.
Diese Gegenüberstellung erfolgt  mit Hilfe von Lehrer-Mediatoren , Konfliktlotsen, Mitarbeitern der Schulstationen, vor dem  Klassenrat oder in der Konfrontationskonferenz.